Meine zwei
Wochen in Rousse auf wenigen Blättern
Papier zusammen zu fassen, erscheint mir momentan
unmöglich. Zu überwältigend
sind meine Eindrücke, zu groß die
Gefühle. Aber ich freue mich auch, anderen
Menschen von meinen Erfahrungen berichten
zu dürfen.
Ich versuche einfach mal, vorne anzufangen...
Im Januar dieses Jahres lernte ich über
die liebe Schwester Tine von der Früh-
und Neugeborenenintensivstation des Klinikums
Darmstadt die Deutsch-Bulgarische Straßentiernothilfe
kennen. Tine drückte mir das Buch Misas
Stern in die Hand und sagte nur: "Lies!"
Ich fing an und konnte nicht weiter lesen.
Schon die ersten Sätze waren erdrückend.
Ich gab es ungelesen zurück.
Aber das Schicksal der Hunde ließ mich
nicht mehr los. Daraufhin schaute ich täglich
auf der Homepage der Deutsch-Bulgarischen
Straßentiernothilfe vorbei, übernahm
insgesamt fünf Patenschaften und beschloss,
auf eigene Faust für die Organisation
zu sammeln und dann sogar, eine Zeit in Bulgarien
zu verbringen.
So kam der Kontakt mit Herrn Dimitrov zustande,
der erst total überrascht war und mir
dann empfahl, nach Rousse zu gehen. Dort sei
ich am besten aufgehoben, aber Englisch spräche
keiner... Also kaufte ich mir wild entschlossen
einen Bulgarisch für Anfänger-Kurs
und lernte Bulgarisch. Obwohl mir zuhause
ein teils kühler, jedoch sorgenvoller
Wind um die Nase wehte (mein Freund glaubte,
dass ich mindestens mit 390 Hunden nachhause
käme), flog ich am 12.06.2010 nach Sofia
und von dort weiter nach Varna. In meinem
Sprachkurs war ich immerhin bei Lektion fünf
von neun angelangt!
Am Flughafen wurde ich von Katja, Nelli und
Ivelina abgeholt. Ich erkannte sie nur an
den vielen Hundeboxen und wusste auch gar
nicht, was ich sagen sollte. Also sagte ich
"Dober den, tschakam tuk" (Guten
Tag, ich warte hier). Welch ein super Einstieg...
Die Heimfahrt war mitten in der Nacht, ich
war seit 24h auf und dementsprechend müde.
Dennoch bemühte sich Ivelina, eine der
Tierärztinnen, sich mit mir zu unterhalten
- in fließendem Englisch!
Trotz aller Widerstände, die ich versucht
hatte zu leisten, weil ich keine Kosten und
Umstände bereiten wollte, war ich bei
Nelli, einer Mitarbeiterin des Tierheims,
untergebracht. Bei ihr zuhause wohnten noch
ihr Mann, 14 Katzen und vier Hunde. Ich fühlte
mich sofort wohl.
Montags ging es dann zum ersten Mal ins Tierheim.
Ich hatte ein komisches Gefühl. Mir war
klar, dass ich nicht wirklich helfen konnte
und dass ich möglicherweise mehr Belastung
als alles Andere war. In zwei Wochen lernt
man Abläufe nicht kennen, im schlimmsten
Fall behindert man sie nur. Ich rechnete auch
damit, dass mir jemand sagt: "Hier, Putzzeug.
Zwinger 1 bis 36 muss noch saubergemacht werden!"
Aber es kam Alles ganz anders. Ich wurde von
den Leuten sehr herzlich aufgenommen und mein
Bulgarisch half mir doch sehr: ich konnte
etwas reden, verstand aber nichts ;-)
Die ersten beiden Tage arbeitete ich mit Ani
daran, Decken und Planen über die vorderen
Zwinger zu hängen, um den Hunden Schattenplätze
zu schaffen. Am dritten Tag kam ein Sturm,
am vierten Tag fingen wir wieder von vorne
an.
Meine Ängste, dass ich 400 Hunde mit
nachhause nehmen will, verschwanden. Die Zwinger
waren nicht dreckig, es stank nicht. In einem
Satz: ich hatte es mir wesentlich schlimmer
vorgestellt. Jeden Tag wurde von morgens bis
abends geputzt, kein Hund lebt dort in seinen
eigenen Exkrementen. Jeder Hund hat seine
eigene Hütte, die aus altem Holz gebaut
wird. Trotzdem ist es teilweise eng und unsere
deutschen Tierheim wirken dagegen wie 5*-Hotels.
Die Zwingeranlagen
in Rousse Holz
für die Hundehütten
|
Die ersten Tage waren so eindrucksreich, dass
ich gar nichts verarbeiten konnte. Jeden Tag
neue Hunde, jeden Tag mehr Hunde.
Bald schon durfte ich mich allein in der Anlage
bewegen und besuchte natürlich zuerst
meine Patenhunde Jessie
die süße
Jessie, sehr anhänglich und verschmust
|
und Tammy;
Tammy - hübsch,
jung, liebt Bauchkraulen
|
Die blinde Slepochka,
mein Liebling, zog sogar ins Büro um,
damit ich sie um mich haben konnte.
In den nächsten Tagen begann ich einfach
damit, irgendwelche Hunde zu bürsten,
weil sie teilweise noch ihr Winterfell hatte.
Und als ich dachte, dass ich vielleicht 1/3
hätte, stellte ich fest, dass die Zwingeranlage
hinter den Häusern noch viel viel weiter
geht. Lauter Hunde, die ich vorher gar nicht
gesehen hatte. Unglaublich.
Wenn man einen Zwinger betritt, wird man bestürmt.
Von allen Seiten. Und jeder Hund will nur
genau eins: Streicheleinheiten. Keiner ist
bösartig. Die Ängstlichen gehen
einfach weg. Es ist einfach schön zu
sehen, wie diese Hunde sich über die
geringste Aufmerksamkeit freuen. In ihnen
steckt so viel Liebe...
Die vorderen, kleineren...
...und die hinteren, größeren
Zwinger
|
Zusammen mit Didi entwurmte ich in den zwei
Wochen 400 Hunde und das Wunder - ich wurde
kein einziges Mal gebissen!
Automatisch fing ich an, mich mehr um die
kranken Hunde zu kümmern. Wahrscheinlich
Helfer-Syndrom! Mein humanmedizinisches Wissen
half mir leider nicht viel, aber ich versuchte
zunehmend den Tierärztinnen Katja und
Ivelina zur Hand zu gehen. Immer öfter
war ich in der Krankenstation, verteilte Medikamente,
putzte, badete und bürstete. In der Krankenstation
ist jeden Morgen was los. Invalide Hunde rennen
hin und her, Welpen schwänzeln um die
Beine herum, Katzen springen hoch und Alle
wollen nur das Eine: Aufmerksamkeit. In einem
Raum werden die OPs durchgeführt: Kastrationen,
Amputationen, Tumorentfernungen. Die Medizin
ist einfach und effektiv. Infektionen gibt
es nahezu keine. An einem Tag wurde die Hündin
Sara operiert, sie hat einen großen
Bauchtumor. Am nächsten Morgen hatte
sie sich die ganze Wunde aufgekratzt und -gebissen
und sich auch noch im Nachbarraum etwas zu
essen besorgt. Wir mussten bis zum nächsten
Tag warten, um ihre Wunde wieder zu vernähen.
Ich bastelte ihr ein T-Shirt, das ich ihr
über den Kopf zog und an ihrer Rute festmachte,
damit sie es nicht hoch ziehen konnte. Sara
war wenig begeistert, aber die Wunde blieb
zu.
An einem Tag haben Katja und Ivelina eine
Katze operiert, die nach einem Autounfall
eine offene Fraktur des einen Hinterlaufs
hatte. Die OP war schwierig, die Katze danach
schwach. Als Wärmflasche diente eine
Domestos-Flasche mit heißem Wasser.
Ihren Zweck hat sie erfüllt - und der
Katze geht es
wieder gut.
Vor während
und
nach der OP
|
Als ich nach Bulgarien flog, hatte ich eine
eindeutige Einstellung zu schwer invaliden
Hunden: Was soll das? Das ist Quälerei.
Warum werden die nicht eingeschläfert
und erlöst?
In Bulgarien habe ich mich gedreht. Um 180Grad.
Wegen Bebo. Und wegen
Pencho (Reddy).
Schon am ersten Tag, als ich ins Büro
kam, rannte ein kleinerer Schäferhund
auf mich zu: Bebo. Ich dachte nur, der läuft
aber komisch. Bebo schien das nicht zu stören.
Er rannte mir hinterher, strahlte mich an
und suchte meine Nähe, um Streicheleinheiten
zu ergattern. Seine Augen waren die reine
Lebensfreude. Sein ganzes Wesen die pure Lebenslust.
Ich war sofort in ihn verliebt und vollkommen
entsetzt, als ich die eitrigen Stümpfe
seiner amputierten Hinterbeine entdeckte.
Autounfall. Unfassbar.
Jeden Tag steckte ich diesen wunderbaren Hund
in Kaliumpermanganatbäder. Jeden Tag
wickelten Ivelina und ich seine Stümpfe.
Jeden Tag war er geduldig und ließ alles
über sich ergehen. Jeden Tag hat er mich
mit seiner Lebenslust angesteckt. Jeden Tag
hat er mich wieder und wieder begeistert.
Vor einigen Wochen hat er ein wunderbares
Zuhause gefunden. Mit einer blinden Freundin.
Glück für Bebo, aber welch ein Glück
erst für seine Menschen!!!
Bebo Mit
Ivelina, Max,
Paris und
Dedi () Blick
in die Krankenstation
|
Nachdem ich Stammgast in der Krankenstation
wurde, lernte ich auch Pencho kennen. Ein
wunderhübscher roter Rüde mit einem
extrem weichen Fell. Er lag die ganze Zeit
auf dem Boden rum und hob nur den Kopf, mit
Anfassen war er vorsichtig. Autounfall. Gelähmt
ab der Brustwirbelsäule.
Ich hatte nicht die Zeit, mir das Alles bewusst
zu machen - zum Glück, sonst hätte
ich nur noch geheult.
Der hübsche
Pencho Erfolge
beim Bürsten (hinten Katja Markova)
Beim Schmusen
|
Jeden Tag schleppte ich Pencho raus, bürstete
ihn zunächst nur. Dann begann ich, eine
"Laien-Physiotherapie" mit ihm zu
machen. Immer wieder Hintern anheben und absetzen,
anheben und absetzen, usw. Ich merkte, dass
er wollte. Irgendwann war es Standard: morgens
und nachmittags 20 Minuten "Physio".
Und Pencho wedelte mit dem Schwanz, wenn ich
kam. Das allein war schon ein großer
Fortschritt.
Am 20.06. stand er das erste Mal allein auf
seinen vier Beinen. Am 23.06. konnte er allein
aufstehen und zwei wackelige Schritte machen.
Ich heulte vor Freude und Katja, Nelli, Ivelina,
Didi, Ani, Mitko und Adriana gleich mit. Jetzt
gibt es ein Video im Netz - Pencho läuft.
Wackelig noch, aber er läuft. Es hört
sich blöd an, aber das ist mein größter
Stolz!
Bei dieser Masse an Hunde bleiben einem wenige
im Gedächtnis. Natürlich die Kranken,
weil man jeden Tag mit ihnen zu tun hat. Die
Welpen, weil sie im Büro wohnen. Die
besonders anhänglichen und die aus den
Zwingern der eigenen Patenhunde. Das war's.
Ich war entsetzt, wie gering der Wiedererkennungseffekt
auf der Homepage war. Immerhin habe ich jeden
einzelnen von ihnen entwurmt...
In der ganzen Zeit hat mich ein Hund konstant
"verfolgt". Wenn ich in den Zwingern
war, war er auch da. Unauffällig, unaufdringlich,
liebevoll konsequent: Poschta.
Ein Rüde dessen Schönheit und Ausstrahlung
man auf Bildern nicht festhalten kann. Ich
mochte ihn sehr gern, seine Art mir hinterher
zu kommen, Alles in der Hoffnung auf ein paar
Streicheleinheiten. Er bekam sie, und Leckerli
noch obendrauf.
Der hübsche
Poschta ... gibt
Pfote
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Neben dem Büro wohnt Zlato,
ein bulgarischer Hütehund, der mir locker
bis zur Hüfte geht. Als ich ihn kennenlernte,
hatte ich Respekt, um nicht zu sagen Angst.
Er fletschte schon aus der Entfernung die
Zähne, knurrte und bellte und ich war
schwer beeindruckt. Ivelina sagte, er sei
lammfromm, aber den Eindruck konnte sie auch
mit noch so vielen Schmuseeinheiten bei mir
nicht erwecken. Was soll ich sagen? Ich bestach
Zlato mit Leckerli und wir wurden gute Freunde.
In sein langes Fell zu fassen ist wie "Reingreifen
und Wohlfühlen". Abends waren Ivelina,
der Nachtdienst und ich oft noch draußen
vor dem Tierheim. Dann ließen wir Zlato
los. Es war immer ein wunderbarer Augenblick,
ihn zu beobachten, wenn er sich frei bewegen
konnte. Losgelöst von der Kette. Er spielt
und freut sich seines Lebens. Er ist ein anderer
Hund.
Zlato
mit Ivelina und Zlato beim Kuscheln
Küsschen...
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So erlebte ich jeden Tag etwas Neues. Und
zuhause bei Nelli waren die fünf Mini-Katzen,
die immer noch ihre Menschen suchen: Sheri,
Panko, Theo, Blacky und Stella. Nelli
hat sie am Straßenrand halb verhungert
gefunden und mit nachhause genommen. Diese
Fünf haben immer Party gemacht und auch
abseits vom Tierheim war immer etwas los.
Nelli und ihr Mann waren sehr sehr nett zu
mir. Ich durfte mir nichts selbst kaufen,
auch nicht meine tägliche Ration an Nervenschokolade,
die ich dringend brauchte. Jeden Abend gab
es leckeres Essen, auch wenn ich Nelli erstmal
beichten musste, dass ich keine Tomaten mag...
Wir sind mit ihren Hunden Gassi gegangen und
dabei von oben bis unten von Mücken zerstochen
worden. Nelli sprach kaum Englisch und trotzdem
versuchten wir, miteinander zu reden. Es war
herrlich. Ich hatte mein eigenes (riesiges)
Zimmer mit Blick auf den Garten, das Bad musste
ich mir nur mit den fünf Minis teilen.
Und Nelli war immer für mich da.
Theo, Blacky, Panko,
Sheri, Stella...
... suchen ihre Menschen!
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Jeden Tag sind wir zusammen ins Tierheim gefahren.
Nach wenigen Tagen schon sagte Katja, die
Leiterin des Tierheims, dass ich auf eigene
Faust arbeiten solle. Ich würde schon
sehen, wo was zu tun ist. So fand mein Tag
einen gewissen eigenen Rhythmus. Erst mithelfen,
die Kranken zu versorgen, dann ein paar Hunde
bürsten. Anschließend Physiotherapie
mit Pencho. Gegen eins gab es Essen. Meist
Suppata (Joghurt mit Gewürzen und Gurke),
dazu Brot. Ich spendierte aufgrund der Hitze
öfter mal ein Eis. So saßen wir
zusammen im Büro, umgeben von Hunden
und Katzen und ich kann kein anderes Wort
als toll' dafür finden. Ich habe
mich so wohl gefühlt, so willkommen,
so dazugehörig, obwohl ich das nicht
war.
Mittagessen im Büro
Das
Büro
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Danach Hunde baden, bei Kastrationen oder
anderen OPs soweit möglich helfen oder
zumindest zugucken und was lernen. Dann wieder
Pencho. Zwischendrin mit den Welpen kuscheln,
irrsinnig viele Bilder machen und mit den
einen oder anderen Gassigehen.
Gassigehen ist in Bulgarien nicht so verbreitet
wie hier in Deutschland. Während wir
im Wiesbadener Tierheim mindestens 40 ehrenamtliche
Gassigeher sind, waren es in Rousse geschätzte
zwei. So übte ich mit Mazutka
(vermittelt, jetzt Mia) und Hope
Leinenführigkeit, ging mit Max spazieren
und mit Slepochka
nur vor die Tür. Weit laufen kann man
dort nicht. Entweder man kommt an die Straße
oder man landet auf Polizeigelände.
Slepochka war schon mein Liebling, da kannte
ich sie nur von Bildern. Eine blinde Hündin
(wahrscheinlich erblindet durch giftige Reinigungsmitteln),
zehn Jahre alt. Ich ging jeden Tag mit ihr
raus. Bürstete sie. Sie ist wunderschön.
Und sie ist der einzige Hund, den ich kenne
(und ich kenne viele), der wirklich eine richtige
Stupsnase hat. Eines Nachmittags saß
ich draußen mit ihr und schmuste, als
ich an ihrem Bauch zwei Tumore entdeckte.
Verschieblich, gut abgrenzbar. Das spricht
bei uns Humanmedizinern für etwas Gutartiges.
Aber weiß man es? Nein. Ich bekam Angst.
Sie ist alt. Und blind. Ihre Vermittlungschancen
stehen schlecht. Sie wohnt im alten Büro.
Ob es da Heizung gibt? Ja, hat mir Katja jetzt
geschrieben. Aber trotzdem: jeden Abend kommt
ihr Bild in mir hoch und frage mich, ob sie
den nächsten Winter überleben wird...
Slepochka mit Luca
beim Schmusen
Keinen Hunger- lieber Streicheln!
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Manchmal oder sogar oft denke ich, welch wunderschöne
Hunde in Rousse sind. Ganz anders als der
Durchschnittslabrador vom Züchter nebenan.
Hunde mit Charakter, Hunde mit Ausstrahlung.
Hunde, die sozialisiert sind. Hunde, die dankbar
sind. Hunde, die einfach wunderbar und einzigartig
sind. Einsame Seelen, die ein Zuhause suchen.
Während meiner Zeit in Rousse ist mir
eins klar geworden: ich kann mir gar nicht
mehr vorstellen, einen Hund vom Züchter
zu nehmen. Ich könnte auch nie züchten.
Allein die Tatsache, dass man als Züchter
die Welpen weggibt, und vielleicht nicht weiß,
was aus den Hunden wird, macht die Sache für
mich unmöglich. Dazu verliere ich mein
Herz zu sehr an diese Tiere.
In dem Tierheim steckt sehr viel Arbeit. Bürokratie,
Verhandlungen mit den Bürgermeistern
der umliegenden Dörfer wegen Kastrationen,
ein ständiger Kampf gegen Grausamkeit,
ein ständiger Versuch der Aufklärung.
Bulgaren kommen ins Tierheim, geben Straßenhunde
ab. Das ist ein Fortschritt. V.a. wenn die
Alternative der Isolator in Rousse ist...
Hunde und Katzen, am Wegrand oder in Kartons
gefunden, werden gepflegt, medizinisch versorgt
und aufgepeppelt. Straßenhunde werden
kastriert und in ihr Rudel zurückgebracht.
Als ich das zum ersten Mal bei einem jungen
Hund miterlebte, musste ich durchaus schlucken.
So ein kleiner Hund, zurück auf die Straße.
So was bin ich nicht gewöhnt, weil es
hier keine Straßenhunde gibt. Aber das
ist die einzige Möglichkeit eines sinnvollen
Tierschutzes.
Katja hat dabei sicherlich keinen einfachen
Job. Jeden Tag wieder neues Leid zu sehen,
jeden Tag einen scheinbar nicht zu gewinnenden
Kampf gegen Brutalität und Intoleranz
zu führen. Und das allein auf weiter
Flur; die Widerstände sind überall
und in jeder Ecke. Zweimal war ich mit bei
einem Bürgermeister, teils wird man nicht
einmal vorgelassen. Es ist ein harter Kampf,
aber irgendjemand muss ihn im Namen der Tiere
kämpfen. Zum Glück gibt es solche
Leute! Die den Mut, das Durchhaltevermögen,
aber vor allem die Kraft dazu haben. Ich ziehe
meinen Hut vor den Leistungen...!
Mein Abschied war schwer. Mit vier Hunden
bin ich ausgeflogen. Alles lief vollkomen
problemlos. Kati und Nelli haben mich zum
Flughafen nach Sofia gebracht. Es sind viele
Tränen geflossen und teils fließen
sie immer noch. Auch wenn ich nur zwei Wochen
da war, die Leute fehlen mir. Sie haben mich
so herzlich aufgenommen und sich so sehr um
mich gekümmert, dass ich gleich wusste,
dass ich wieder dahin will. Katja und Ivelina
mailen regelmäßig und ich hoffe,
das bleibt so. Und zum Glück gibt es
Skype!
Mit Katja (li) und
Nelli (re) am Flughafen
Verladung der Hundeboxen
|
Zurück in Deutschland begreift man
erst schwer, dass es wieder eine andere
Welt ist. Man kehrt in die Wohnung zurück,
geht wieder arbeiten, der Alltag kehrt ein.
Man denkt nicht mehr soviel zurück,
hat andere Dinge im Kopf. Man fragt sich
aber oft, wieso die Leute hier so wenig
von dem Schicksal der Hund in Ost- und auch
in Südeuropa wissen. Sind wir nicht
alle Europa??
Alles in Allem war es für mich eine
sehr schöne und eindrucksreiche Zeit.
Nächstes Jahr plane ich, wieder für
zwei Wochen nach Rousse zu fliegen. Und
die Vorfreude wächst jetzt schon...
Es ist nicht einfach, einen solchen Bericht
zu schreiben. Die Eindrücke sind so
schwer in Worte zufassen. Auch die tolle
Mentalität der Menschen, die mich so
freundlich aufgenommen haben. So viele Hunde,
so viele Geschichten. Ich kann nicht alle
erwähnen, und doch würde ich das
gern. Die Auswahl ist schwer, ich möchte
keinen bevorzugen. Wenn ich sehe, dass ein
Hund
aus Rousse, den ich kenne, reserviert
oder gar vermittelt ist, dann freue mich
wie eine Schneekönigin. Ich freue mich
unendlich für Bebo. Jetzt ist der wunderbare
Max reserviert. Ich
könnte heulen vor Glück. Diese
Hunde zu kennen und erlebt zuhaben, war
einfach nur toll. Auch wenn man sein Herz
an den einen oder anderen etwas mehr verliert,
ALLE diese Hunde und Katzen haben ein liebevolles
Zuhause so sehr verdient, keiner mehr und
keiner weniger!!!
Auch wenn die Erinnerung irgendwann einmal
langsam verblassen wird, die Schicksale
der Hunde bleiben im Gedächtnis und
vor Allem im Herzen.
Seelen auf der Suche
nach einem Zuhause.
Seelen auf der Suche nach Liebe.
Seelen auf der Suche nach IHREN Menschen.
Wo seid Ihr nur?
©Julia Becht
Solange Menschen denken, dass Tiere
nicht fühlen,
werden Tiere fühlen, dass Menschen
nicht denken.
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