Sie sollten nicht glauben, dass ich alt bin, nur weil ich so einen seltsamen Tatterich habe. Ich könnte ja behaupten, das sei meine persönliche Note, aber das wäre gelogen. Tatsache ist, dass ich krank war, sogar sehr krank. Ich glaube mich zu erinnern, dass ich das Tor zum Regenbogen schon gesehen hatte. Aber ich bin dann doch nicht durch gegangen. Irgendwie war es noch nicht soweit. Also, ich hab's überstanden, aber dieses Zittern in meinem Körper, das habe ich behalten. Ich merk's aber kaum noch, man gewöhnt sich an viel, und wehleidig sind wir Straßenhunde eh' nicht. Seit ich hier in Nadeshda bin geht's mir auch richtig gut - Schlafplatz, Futter, Gesellschaft - alles vorhanden. Die Zweibeiner sind nett. Keiner wirft mit Steinen oder schießt auf uns. So was kenn' ich von früher, als ich noch auf den Straßen gewandert bin. Da musste man ziemlich aufpassen. Fido, der schon vor mir hierher kam, hat gesagt ich könne mich glücklich schätzen, erst hier angekommen zu sein, als all die furchtbaren Dinge die hier früher mit unsereins geschehen sind, vorbei waren. Ich weiß nicht so recht was er meint, denn er sagt es nicht genau, aber es muss etwas Schreckliches gewesen sein, weil er immer wieder erzählt, wie gut wir es jetzt haben. Nun, ich denke auch dass wir es gut haben. Ich habe einen Platz wo ich hingehöre. So sehr viel mehr will man gar nicht als ehemalige Stadtstreicherin. Einen guten Platz, warm und trocken. Und jeden Tag Futter, richtig gutes Futter, nicht die Reste aus den Abfallhaufen, um die man auch noch oft genug kämpfen musste.
Manchmal schaue ich nach oben, da wo der Himmel zwischen all den Bäumen zu sehen ist. Und manchmal glaube ich ein paar Engel zu erblicken. Das ist ein richtig schönes Gefühl. Ich empfehle es Ihnen. Dann können Sie sich auch jeden Tag ein wenig freuen.
Gana aus Nadeshda-Losenetz
Auch die Augen haben ihr täglich Brot: Den Himmel.
Ralph Waldo Emerson